Our research associate Adam Harvey is interviewed by fluter, the journal of the German Bundeszentrale für politische Bildung, about the role of his CV Dazzle anti-surveillance project in the current Black Lives Matter movement.

  Read the article (in German) at fluter.de


Adam Harvey kreiert Make-up, das Maschinen austrickst. Jetzt holt die Gegenwart sein zehn Jahre altes Kunstprojekt ein

von Lena Fiedler

Das Schwarz zieht sich vom Haaransatz über das linke Auge rechts am Mund vorbei bis zum Kiefer. Bunte Strasssteine verdecken eine Augenbraue. Die Instagram-Profile US-amerikanischer Influencer*innen zeigen einen neuen Trend, ein neues Face of the Day. Nur dass das diesmal nicht für große Make-up-Linien wirbt oder einen neuen Filter, der junge Frauen aussehen lässt wie Babytiger – sondern gegen Überwachung.

 

Make-up gegen Überwachung

How to Hide: Martayla Poellinitz (@martymoment) testet CV Dazzle

Die Maskenbildnerin Martayla Poellinitz dokumentiert hier ihre ersten Versuche mit einem Antiüberwachungs-Make-up. „In der heutigen Zeit“, schreibt sie, „in der ein einfacher Schnappschuss des Gesichts so viele Informationen über dich und andere, mit denen du in Verbindung stehst, preisgeben kann, ist es wichtig, sich so gut zu schützen, wie es geht.“ Poellinitz ist schwarz, lebt in den USA und protestiert für Black Lives Matter. Sie kann jeden Schutz gebrauchen.

Seit Mai demonstrieren Millionen US-Amerikaner*innen gegen unrechtmäßige Polizeigewalt und Rassismus. Im ganzen Land stehen sich Polizei und Demonstrant*innen gegenüber. Amnesty International berichtet, dass die US-Polizei bei ihren Einsätzen gegen gewaltbereite Demonstrierende und Plünderungen teils schwere Menschenrechtsverletzungen begangen habe. In mehreren Städten riefen Polizei und FBI dazu auf, Fotos und Videos von Demonstrierenden auf Hinweisportale hochzuladen, um mutmaßliche Straftäter*innen mittels Gesichtserkennungssoftware identifizieren zu können.

Um unerkannt zu bleiben, greifen Demonstrant*innen wie Martayla Poellinitz nun auf eine Idee zurück, die ziemlich alt ist: 2010 initiierte der Künstler Adam Harvey „CV Dazzle“, ein Projekt, bei dem er Kleidung und Make-up entwirft, die vor Videoüberwachung schützen.

„CV Dazzle ist kein Produkt, CV Dazzle ist eine Strategie“

Harveys Looks erinnern an Cyberpunk: bunte Haarsträhnen, die vom Kopf wegstehen, und Gesichtsaccessoires, die das Gesicht asymmetrisch teilen. Indem signifikante Merkmale des Gesichts verdeckt werden, kann der Algorithmus weder saubere Daten sammeln noch Gesichter einwandfrei identifizieren. Ob solche Vermummungstechniken erlaubt sein sollten, darüber wird nicht nur in den USA seit Jahrzehnten gestritten. In den Bundesstaaten und Kommunen gelten unzählige Maskierungsverbote. Das Strafgesetz von Kalifornien, wo die Black-Lives-Matter-Bewegung besonders aktiv ist, verbietet beispielsweise alle Kostümierungen, die bei möglichen Straftaten die Identifizierung oder Verfolgung erschweren.

Der Gedanke hinter dem Gesetz ist, dass der Rechtsstaat nur greifen kann, wenn potenzielle Straftäter*innen auch auf Demos erkennbar bleiben. Gegner*innen des Vermummungsverbotes argumentieren hingegen, dass sich Demonstrierende anonym sicherer fühlen und dass es den Staat, Arbeitgeber oder auch politischen Gegner grundsätzlich nichts angeht, wofür jemand auf die Straße geht. Sie regen eine Lockerung oder sogar Abschaffung des Vermummungsverbots an, um das Versammlungsrecht zu stärken – gerade in Zeiten von Videoüberwachung und maschineller Gesichtserkennung.

Tatsächlich war Harveys „CV Dazzle“-Projekt im Jahr 2010 so interessant, weil seine Designs auf eine Zukunft reagierten, die dystopisch war und weit entfernt. Jetzt scheint es, als sei das Projekt durch die Gegenwart eingeholt worden. Nach den Massenprotesten erhielt Harvey viele Nachrichten von Menschen, die wissen wollten, ob „CV Dazzle“ 2020 noch funktioniere. Das sei die falsche Frage, schreibt Harvey: „CV Dazzle ist weder ein Produkt noch ein Muster. CV Dazzle ist ein Konzept und eine Strategie.“ Harveys Projekt politisiert damit wohl auch Menschen, die sich vorher nie um ihre Daten gesorgt haben – und nicht wussten, wie kurz der Weg von Instagram-Filtern zu Cybersecurity sein kann.